Alexander Klebe

Alexander Klebe hat schon während seines Studiums seine Leidenschaft zur Fotografie genutzt, um in seine erste selbstständige Tätigkeit zu starten. Noch als Student nahm er am Gründungsförderungsprogramm der KOWA teil und gründete kurz darauf zusammen mit einem befreundeten Designer und einem Kommilitonen eine kleine Werbeagentur. In dieser fand er als Fotograf, Kommunikationsberater und Netzwerker eine Vielzahl an Möglichkeiten, neben dem Studium etwas zu tun, was ihm nicht nur Spass machte, sondern auch das Studium finanzierte. Heute lebt und arbeitet er hauptsächlich in Berlin, ist aber der Viadrina und auch der Selbstständigkeit nach seinem Abschluss als Diplomkaufmann treu geblieben. Er bezeichnet sich als Entrepreneur und das mit ganzem Herzen. So hat er zusammen mit zwei weiteren Fotografinnen das brightside studio in Berlin gegründet und organisiert im Augenblick die Haniel Creative Summer School zum Thema „The Art of Creative Leadership“. Zusammen mit Thomas Herpich arbeitet er auch im Bereich der Kreativitätsentwicklung für junge Führungskräfte.

 

Thomas Herpich: Ich würde Dich bitten, eine Situation zu reflektieren, in der Du Dein volles Potenzial hast erleben können.

 

Alexander Klebe: Erleben lässt sich das, was Du das volle Potenzial nennst, am besten in einer Gruppe. Jazzmusiker z.B. sind es gewohnt auf den "Flow" des anderen zu reagieren, indem sie einfach einsteigen. Dazu braucht es natürlich die „Let´s do it“ Mentalität. Sie jammen zusammen, tauschen ihre Ideen im Dialog der Instrumente aus, sie schätzen die Spielart des anderen und kreieren gemeinsam ein Werk, an dem sich alle erfreuen können. Die Jazzmusik wurde in New Orleans geboren, dort wo verschiedene Kulturen im Austausch miteinander standen und so ihr volles Potenzial gemeinsam entwickeln konnten.

In den meisten kreativen Teams stellt sich ein Flow ein, in dem sich die Ideen gegenseitig beflügeln. Das Potenzial entsteht in der Kraft der Vorstellung, eine Gedankenkonstruktion zu der viele ihre Ideen beisteuern. Dann wird ein anfänglicher Geistesblitz zu einem kollektiven Sinnbild, welches viel einfacher realisiert werden kann, wenn alle aktiv an der Verwirklichung mitarbeiten.

Erleben konnte ich es sehr schön bei den Vorbereitungen zu meinem 30sten Geburtstag im Studio. Es war die angenehmste Vorbereitung einer Party, die ich je erlebt habe. 7 Freunde waren eingeladen im Studio ihre Ideen zum Thema Zauberwald zu verwirklichen. Die Ideen flossen zusammen, haben Raum und Werkzeuge bekommen und wurden gemeinsam umgesetzt. Am Ende ist ein Werk entstanden, das durch die Kreativität vieler geschaffen wurde: Origamiskulpturen, ein Lianendschungel aus alten Filmrollen, verrückte Lichteffekte, Live-Jams, bunt Kostümierte und Inspiration für einen neuen Song samt ersten Musikvideoaufnahmen.

 

TH: Interessant ist doch, das Du Menschen eingeladen hast, einen gemeinsamen Raum zu schaffen und so die Kreativität einen Raum bekommen hat und ein gemeinsames Ziel. Du hast Sie sozusagen mit einer kreativen Mission zusammen gebracht? 

 

AK: Das sind greifbare Träume. Jeder hat Träume. Ich frage Menschen gern, was ihre Träume sind, viele vergessen Ihre Wünsche oder Vorstellungen der Zukunft im Alltagsgeschehen. Ich mag es mit Menschen Zukunftsbilder zu entwickeln und diese in greifbare Nähe zu rücken.

Es ist wichtig für Menschen ihre Träume zu nutzen, als Motivation etwas zu tun, was sie sich vielleicht nur im Traum vorstellen können. Es geht darum etwas mit dem anzufangen, was man in sich trägt, was man selbst schon immer gern machen wollte. Wenn man lernt über seine Träume zu sprechen, wird man erstaunt sein, wie viele Menschen ähnliche Träume haben, die sich vielleicht etwas weiter weg von unserer Alltagskultur befinden. Denn schließlich leben wir nur einmal und die Träume, die uns die Werbung schmackhaft machen will, machen nicht all zu lang glücklich – unsere eigenen verwirklichten Träume schon.

 

TH: Was ist die tiefere Bedeutung von Träumen?

 

AK: Träume zeigen uns ein mögliches Zukunftsbild. Wenn wir träumen verlieren wir die Schranken, die wir uns selbst setzen. Wir überlegen uns ganz ohne Zwänge: „Was ist es, was ich tun möchte?“ Beim Träumen können wir auch die Kritiker ausschalten, die uns sagen: „Da hast du nicht die Zeit, das Geld, das Know How, ...“. Träume sind etwas Großes, sie sind das Samenkorn erfolgreicher Ideen. Erfolg ist für viele Menschen, die ich kenne, die Fähigkeit ihre Träume in die Realität umzusetzen.

 

TH: Das bedeutet also ein Traum gibt uns zu erkennen, dass wir so viele Möglichkeiten haben, dass wir nicht die Stimme der Kritik benutzen müssen, die uns wieder einholt?

 

AK: Die Stimme der Kritik schwebt bei vielen wie ein „Overhead“ über allen anderen Stimmen und wirkt wie jemand der sagt: „Hey, das ist falsch“ und der romantische Träumer lässt sich leicht davon blockieren. Aber diese übergeordnete Position sollte Kritik nicht bekommen. Kritik ist ein Ratgeber, genau wie die Ideal- und Wertvorstellungen eines Menschen.

Auch in der Zusammenarbeit mit anderen kann man Kritiker zu Ratgebern machen und mit Ihnen einen besseren Plan ausarbeiten, aber sollte sich nicht durch sie beirren lassen, etwas wegen der Kritik anderer nicht zu tun. Sondern mit Ihnen auf Augenhöhe kommunizieren und sagen: „Ja, das ist ein guter Einwand, das könnte man bestimmt besser lösen – Was schlägst Du vor?“. Es gibt immer eine bessere Lösung und irgendwann hat der Kritiker keine Argumente mehr.

 

TH: Das heisst, man muss die Kritik umwandeln? 

 

AK: Man muss ihr den richtigen Raum geben, man darf sie nicht zu einer „Tu das nicht“ Stimme werden lassen, sondern zu einer Stimme, die dich weiterbringen möchte aber dich daran erinnern möchte, dass du eben auch begrenzte Ressourcen hast.

 

TH: Du hast vorhin eine Situation erwähnt, in der Du in einer Gruppe von kreativen Leuten gearbeitet hast, die Dein volles Potenzial aus Dir herausgebracht hätten. Du hast erkannt, man lebt oft nur ein Viertel davon. Was bedeutet also dieses Potenzial, diese Möglichkeiten, diese Macht? 

 

AK: Es bedeutet einen Weg zu finden, um das Schönste hervorzubringen. Diesen Weg kann man nicht durch Kontrolle erreichen, sondern durch Schaffenskraft, die aus einem selbst kommt.

 

TH: Kontrolle wäre ja auch eine gewisse Kraft, die aus einem selbst kommt, nur der Ort in dem die Kontrolle produziert wird, ist ein anderer, als wenn man aus Vertrauen arbeitet. Kontrolle kommt ja eher aus der Angst heraus, etwas falsch zu machen oder etwas zu verlieren, deswegen kontrolliert man, um es richtig zu machen. 

 

AK: Weil man nicht das Vertrauen hat, dass die Anderen es richtig machen könnten, oder es vielleicht sogar besser machen könnten, als man selbst. Aber wenn man das Vertrauen gestärkt bekommt und man positiv überrascht wird, dann wächst auch das Vertrauen. Eigentlich wollen die Menschen gut sein und wollen vertrauen. Nicht selten haben sie es nie anders gelernt oder auch schlechte Erfahrungen gemacht und noch nicht das Vertrauen in sich gefunden und können so auch noch nicht den anderen vertrauen. Auch weil sie in manchen Abhängigkeitsverhältnissen gefangen sind, die ihnen keinen Wachstum erlauben. Ich habe letztens zu einer Freundin gesagt: „Du darfst die Verantwortung für deine Bildung nicht deinem Chef überlassen, weil dein Chef ist vielleicht gar nicht daran interessiert, dich weiter zu entwickeln."

 

TH: Gibt es etwas besonderes für Dich, was Du mit den Menschen teilen willst. Hast Du mal eine falsche Entscheidung getroffen oder einen Fehler gemacht oder eine Niederlage erlitten? Was hat es Dir gebracht? 

 

AK: Haben uns nicht alle Fehler dahin gebracht, wo wir im Augenblick sind?

 

TH: Eine sehr rhetorische Antwort. Erinnerst Du Dich an einen spezifischen Moment?

 

AK: Wenn man keine Fehler machen möchte, bedeutet es auch, dass man nicht das Risiko eingehen möchte Fehler zu machen. Manchmal um Neues zu entdecken, muss ich auch ein kleines Risiko eingehen.

 

TH: Kannst Du Dich an solch ein Risiko erinnern? 

 

AK: Ein Risiko war natürlich damals das brightside studio zu gründen. Ich habe viel Geld und noch mehr Zeit investiert und habe gemerkt, dass es einen großen Teil meiner Schaffenskraft in eine bestimmte Richtung bindet. Natürlich hat sich später auch mal die Frage gestellt, wie sinnvoll diese Investition war. Damals wollte ich fotografieren, heute nutze ich das Studio vielmehr für Workshops und Meetings. Jedoch war die Fotografie immer ein toller Türöffner für mich. Denn auf einmal sitze ich im Büro von Klaus Wowereit, oder im Adlon mit dem Berliner BMW Chef oder neben „verrückten“ Musikern aus London, die ich durch die Fotografie und Freunde kennengelernt habe, die mich in meinem Denken inspirieren und in meinen Träumen unterstützen.

 

Die Fotografie hat es mir ermöglicht, sehr individuell auf Menschen einzugehen und auch die Menschen auf einer tieferen Ebene kennen zu lernen. Sie haben ihren Schutzschild runter gefahren, weil ich sie sehen wollte. Weil ich den Menschen sehen wollte und nicht das Abbild, dass sie nach außen hin den anderen flüchtigen Bekannten geben. Menschen nutzen oft ihren Schutzschild, weil sie teilweise auch Angst haben, nicht als sie selbst akzeptiert zu werden. Als Fotograf habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Menschen zu akzeptieren und wie sehr sie aufblühen und aus sich heraus kommen, wenn man sie für das respektiert, was sie sind. Das ist bei vielen Menschen das Gleiche, vom Manager, über studentische Unternehmensgründer bis hin zu Kindern. Und von Kindern kann man am meisten lernen.

 

TH: Was hast Du von Kindern gelernt?

 

AK: Neugier, Lebensfreude, offener Dialog. Kinder sagen sich, was sie denken, auch wenn es nicht immer angenehm ist. Kinder erziehen sich auch in der Gruppe, da passieren ganz tolle Dialoge. Aber auch im Umgang mit Erwachsenen lernen die Kinder. Wenn sie das, was sie haben wollen durch „rumgezeter“ vor dem Supermarktregal bekommen, dann merken sie sich das. Denn Kinder nutzen ja auch nur die Möglichkeiten, die sie erlernt haben und mit denen sie erfolgreich waren. Später müssen die Kinder eben lernen, dass wenn sie etwas haben wollen, das sie im Augenblick nicht haben, dann müssen sie sich den Weg mit dem geringsten Aufwand überlegen, der sie dorthin bringt und da brauchen sie ihre kindliche Kreativität.